Women of the World


Veröffentlicht am 2 Nov 2012, von Hanne Brenner in Meine Pferde. Kommentare deaktiviert für Women of the World

…das Pferd meines Lebens.
Kein Pferd war mir je so nah wie Women of the World und noch nie habe ich eine derartige Verbindung gespürt wie mit ihr. Nicht mal mit Fabiola…

Rasse: bunte Hannoveraner- Fuchsstute
Abstammung: Walt – Disney – Tochter, mütterlicherseits von Pik Bube abstammend
Jahrgang: 1995

Die Geschichte von Women of the World.
Die Geschichte von „Women of the World“.
Schon unser gemeinsamer Beginn war ausgesprochen ungewöhnlich. Und das habe ich am Ende unseres ersten gemeinsamen  Jahres (2006) folgenderweise beschrieben:
Im November 2005 machte ich mit Freunden eine “ Pferdebesichtigungstour” in den Norden. Wir fuhren genau an dem  Wochenende, an dem Schneemassen in kürzester Zeit die Straßen in Rutschpartien verwandelten und im Münsterland der Strom ausfiel, weil die Oberlandleitungen den   Schnee nicht halten konnten. Super-Timing….

Nachdem wir abgekämpft und viel zu spät in Verden ankamen, schauten wir uns in 3 verschiedenen Ställen Pferde an. Im letzten Stall waren wir erst abends gegen 21 Uhr bei heftigstem Schneetreiben. In der einen Stunde, die wir mit den Pferden verbrachten, schneite es draußen 20 cm!!! Also betraten wir (hochmotiviert) die Stallgasse, auf der ein Pferd angebunden stand. Alle bogen sofort nach links in die Halle ab, wo ein 4-jähriger Superkracher nur auf uns wartete (neben einem Heizlüfter, Kaffee und Gebäck, wie nett). Ich ging zu dem angebundenen Pferd. Keine Ahnung, warum… Es sah derartig verloren und unglücklich aus, dass ich einfach nicht anders konnte, als es zu streicheln. Jaja, ich weiß: sentimentales Geschwätz…
Ok, erstmal also auf den 4-Jährigen. Wahrlich ein imposanter Dunkelfuchs. Leider vom Schwung und auch von der Preisklasse nicht so ganz in unserem Rahmen. Es war an diesem Abend glaube ich das 5. oder 6. Pferd, das ich geritten habe. Und den konnte ich noch nicht mal leicht traben…
Dann wurde ich gefragt, ob denn auch ein “kleineres Pferd” in Frage käme. “Natürlich” sagte ich. Die Größe spielt doch letztlich keine Rolle. So wurde dann das Füchschen, das sich als 10-jährige Stute herausstellte, von dem Lehrling “vorgestellt”. Sie bewegte sich nicht wirklich überzeugend, konnte aber so gut wie alle Lektionen. Naja… Ich setzte mich drauf und machte mir nicht mal die Mühe, meinen Sattel zu nehmen. Wer mich kennt, weiß, was das bedeutet. Ich hatte kein ernsthaftes Interesse an diesem Pferd.

Dann ritt ich sie und hatte das Gefühl, dass sie sich in jeder Runde ein wenig wohler fühlte. Ich “testete” einige Lektionen und stellte fest, dass sie ne Menge konnte. Das Gefühl auf ihr war zwar eigentlich ganz gut, aber irgendwie nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Das Pferd aber war mir sehr sympathisch.

Wir fuhren am nächsten Tag wieder nach Hause und ich hatte diese Begegnung eigentlich abgehakt.
 Dann kam ein Anruf von einer Frau, die meinte, ich hätte ihr Pferd Probe geritten.
So what…

Sie stellte sich vor und sagte mir, dass wir uns von früher her kennen würden. Und als sie sich beschrieb, kam mit einem Mal die Erinnerung ganz deutlich. Klar! Das Pferd kenne ich! Nur wiedererkannt hätte ich es niemals! Die Stute war mir als locker mit viel Gummi und wunderschönen Bewegungen und Ausdruck in Erinnerung. Davon war aber nicht mehr viel übrig geblieben.
Ich berichtete ihr von dem bemitleidenswerten Zustand der Stute und schickte ihr die DVD. Sie erzählte mir, dass Women im Mai 2005 nach Norwegen verkauft war und dann einen Reheschub bekommen hat, der den Verkauf natürlich platzen ließ. So musste das Pferd sowohl seine Rehe-Erkrankung als auch verschiedene Verkaufsställe überstehen. Kein Wunder, dass sie so verloren war…

Ich zeigte das Video meiner Tierärztin Dr. Silke Zuck, mit der ich auch sehr gut befreundet bin und sie sagte mir mitten im Film: “ das ist Dein Pferd”! 
Oh Wunder!  …hatte sie sich doch vorher vehement gegen ein “Rehe-Pferd” ausgesprochen. Bedingung ihrerseits war lediglich der Check in der Klinik. Zucki gab ihr ok und ich kaufte die Stute am 01. Februar 2006.
Nun ließ ich ihr erstmal 3 Monate Zeit, um anzukommen und Vertrauen aufzubauen. Ich ritt sie nur ganz locker und beschäftigte mich viel mit ihr. Nicht immer war ich ohne Zweifel, ob ich da wohl das Richtige gemacht habe… Auch mit der Futtereinstellung musste ich erst Erfahrungen sammeln, damit wir keinen erneuten Reheschub riskierten.
Anfang Mai war ich dann mit ihr zum ersten Mal bei einem Lehrgang von unserem damaligen Bundestrainer Franz-Martin Stankus. Unter Franz-Martins Anleitung wurde deutlich, was für ein Pferd ich da unter meinem Hintern hatte. Holla!!! Er war begeistert und ich war beruhigt, “aufs richtige Pferd gesetzt zu haben.”

Schon im Juni 2006 konnten wir unseren ersten M-Sieg verbuchen.
Im Juli ging´s dann nach München, wo wir an den offenen Bayrischen Meisterschaften teilnahmen. Die ersten beiden Prüfungen hatten wir souverän gewonnen und dann machte ich abends einen fatalen Fehler: Ich beurteilte den Boden falsch und ließ meine Stute an der Longe laufen. Sie regte sich auf, raste los und fiel hin. Zunächst einmal zog sie sich ein Loch im Knie zu, das sofort genäht wurde. Ich dachte schon, wir seien mit einem blauen Auge davon gekommen… Doch mitnichten. Nach 2 Wochen stellte sich heraus, dass sie sich bei dem Sturz an der rechten vorderen Sehne verletzt hatte. Danach folgten 6 Monate Schritt führen. Ich wechselte in dieser Zeit noch zweimal den Stall und brauche glaube ich nicht zu erklären, wie schwierig diese Monate für mich waren. Allerdings hatten diese Monate auch einen positiven Effekt. Es hat unser gegenseitiges Vertrauen sehr gestärkt. Women ist angekommen und weiß, dass sie bei mir bleibt. Ich bin mir sicher, dass siefür mich kämpfen wird wie kein anderes Pferd. Und ich muss sagen, dass mir noch kein Pferd so nah war und ich noch nie eine derartige Verbindung gespürt habe wie mit ihr. Nicht mal mit Fabiola…
Tja, da kommt dann schon der Gedanke, dass alles so hat sein sollen, wie es eben war. Ohne den Verlust von Fabiola hätte ich die Kleine nie kennen gelernt. Und ich bin mir sicher, dass unsere Verbindung für uns beide ein Gewinn ist.

Hanne Brenner im Januar 2007

 

Inzwischen sind so viele Jahre vergangen seit dem ersten Teil der Beschreibung meiner wunderbaren Stute. Und diese waren mit Sicherheit die erlebnisreichsten Jahre meines Lebens. Sie waren geprägt von einer sehr engen Bindung zu „Ollie“, wie wir Women of the World inzwischen nennen. Wenn wir über sie sprechen, dann reden wir über „die Olle“, und das in sehr liebe- und respektvoller Weise.
Was ist seit Ende 2006 passiert?
2007 begann noch etwas holprig. Es dauerte sehr sehr lange, Women wieder aufzubauen. Ihre Muskulatur war einfach weg und gerade im Rücken hat es geradezu ewig gedauert, bis sie wieder in der Lage war, mich im Trab taktmäßig zu tragen. Ich bin die meiste Zeit leicht getrabt, weil sie sonst immer angaloppiert ist. Sie konnte den normalen Trab einfach nicht halten. Bis Ostern 2007 wusste ich nicht wirklich, ob ich sie wieder in Gang kriegen würde. Das war eine sehr schwierige und frustrierende Zeit.
Aber dann! Mai 2007:
Women und ich sind zum ersten Mal auf dem Mannheimer Maimarktturnier gestartet und waren zwar noch nicht vorn mit dabei, aber es war schon ganz ordentlich. Das Jahr über steigerten wir uns kontinuierlich und somit konnten wir uns für die Weltmeisterschaften in England qualifizieren. Trotz einiger Unstimmigkeiten und Verspannungen holten wir hier unsere ersten internationalen Medaillen, und zwar Silber, Bronze und Teamsilber. Offensichtlich war Women wieder fit und ich war so glücklich, dass wir alles gut überstanden hatten.

Ende 2007 sollte dann das Schicksal eine ganz neue Wendung für Ollie und mich einläuten. Wir lernten Dorte Christensen kennen, d.h. konkret gesagt: ich lernte Dorte kennen.
Ein ganz neuer Abschnitt in meinem Leben und auch in Ollies Leben begann.
Schon Anfang 2008 machte ich einen Schlussstrich unter mein bisheriges Leben und zog zu Dorte nach Wachenheim im Zellertal. Ich gebe zu, für mich erfüllte sich hiermit ein Traum, den ich eigentlich gar nicht mehr zu träumen wagte. Dorte und ich leben mitten in der Natur mit unseren Pferden, Hunden und Katzen zusammen. Dorte betreibt schon seit vielen Jahren eine kleine Reitanlage „Stall Magic“, die für unsere Belange geradezu perfekt ist. So ist es einfach nur ein Genuss, im Sommer vom Reitplatz aus auf die Weinberge schauen zu können.
Für meine reiterliche Entwicklung, das Training und die Aus- bzw. Weiterbildung meiner Stute ist seitdem Dorte zuständig. Sie reitet Ollie fast täglich und ebenfalls fast täglich schaut sie mir auf die Finger bzw. auf den Hintern, wenn ich die Olle noch ein zweites Mal reite. Mehrmals in der Woche trainieren wir intensiv und arbeiten hierbei vorrangig an der Losgelassenheit des Pferdes. Basisarbeit steht an allererster Stelle. Lektionen entwickeln sich daraus und werden immer mal wieder abgerufen, aber nicht wie blöd geübt… Und das ist glaube ich auch unser Erfolgsgeheimnis. Die Olle kommt immer mindestens zweimal täglich raus und wird trainiert (manchmal auch einmal davon ausgeritten oder geführt). Sie hat Spaß an der Bewegung und zeigt uns das jeden Tag auf´s Neue. Wir sind inzwischen ein richtig eingeschworenes Team geworden, wir drei „women of the world“.

Ganz zu Beginn unseren gemeinsamen Trainings sagte Dorte zu mir, ich solle nicht mit soviel Bein reiten. Ich schaute sie damals fragend an, weil ich ja gerade in den Beinen gar nicht mehr viel Kraft hatte. „Du hast genug Kraft“, sagte sie. „Verlass Dich darauf und versuche nicht, mit voller Anstrengung die teils gelähmten Beine einzusetzen. Das führt nur dazu, dass Du verkrampfst und Druck auf Ollie machst, den sie gar nicht braucht“.
Ok, ich habe verstanden! Natürlich nicht so schnell, wie hier beschrieben. Es hat alles seine Zeit gebraucht, aber ich merkte, dass ich immer ein kleines Stückchen weiterkam und immer mehr Vertrauen in Ollie und in mich selbst bekam. Auch mein Vertrauen zu Dorte wuchs täglich. Sie verlangte viel von mir, aber sie ließ mir die Zeit, mich dahin zu entwickeln. Und ich habe auch nach vielen Jahren das Gefühl, dass ich dazu lernen, mich verbessern kann.

Jetzt schreiben wir das Jahr 2015 und ich bin stolze Besitzerin des derzeit erfolgreichsten Para-Pferd der Welt: „Women of the World“, genannt: „Ollie“!
4 Einzelgold- und 2 Teamsilbermedaillen auf zwei Paralympics hat sie mir geschenkt! Insgesamt haben wir in den letzten 8 Jahren 24 Medaillen auf Paralympics, Welt- und Europameisterschaften erritten. Wir drei ☺!
Was für ein Pferd! Sie hat im Viereck immer für mich gekämpft! Manchmal auch gegen ihre Überzeugung, die sie eigentlich ausflippen lassen wollte! Das haben wir dann bei der Siegerehrung oder auch beim Abreiten gemerkt. In der Prüfung nie!
Und Ollie hat mich in die Klasse S im Regelsport begleitet, wo wir viele Platzierungen und sogar einen Sieg für uns verbuchen konnten. 
Vor meinem Unfall bin ich „L“ geritten…
Ich kann gar nicht beschreiben, was dieses Pferd für mich bedeutet hat und immer noch bedeutet. Sie hat auch in diesem Jahr mit 20! schon wieder M mit mir gewonnen und ist noch längst nicht müde!
Ollie liebt es zu verreisen! Sie ist ganz wild darauf, auf den Hänger zu kommen, wenn die Turniersaison wieder beginnt oder sie weiß, dass es wichtig irgendwohin geht. Und wenn sie dann in London, Caen, Hongkong oder Kentucky in der Box steht, ist sie glücklich und zufrieden, weil wir nur für sie da sind!
Es ist sooo schön, dass wir sie bei uns zu Hause haben! So hat sich unser Miteinander unglaublich vertieft und wir sind immer füreinander da. Dorte, Ollie und ich!

Hanne Brenner im Mai 2015

Women Hongkong





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